{"address":"Am Ballinkai 1","category_id":null,"city":"","comment":"","content":"Das Bild Kanadas in der deutschen \u00d6ffentlichkeit ist meist eines von Fl\u00fcssen und W\u00e4ldern, von Nationalparks und Grizzlyb\u00e4ren. H\u00e4ufig genug wird das Land als bessere Alternative zu den USA wahrgenommen. Doch Kanada ist ein Staat, der seine nat\u00fcrlichen Ressourcen in einem enormen Ausma\u00df ausbeutet: \u00d6lsande in Alberta oder der Nickel- und Kobaltabbau, bei dem das Land jeweils zu den f\u00fcnf wichtigsten F\u00f6rderl\u00e4ndern weltweit geh\u00f6rt.[1] \r\n\r\nAuch beim Uran ist Kanada ein international wichtiger Player. Es extrahiert mehr Uran als Australien. Mit einer F\u00f6rderung von 4396 Tonnen im Jahr 2021 nahm es den zweiten Platz der F\u00f6rderl\u00e4nder hinter Kasachstan und Namibia ein.[2] Historisch betrachtet ist Kanada sogar mit Abstand das gr\u00f6\u00dfte F\u00f6rderland: Insgesamt 524.000 Tonnen der jemals gef\u00f6rderten Uranmenge, etwa ein Sechstel der gesamten Uranproduktion weltweit, stammen von dort.[3]\r\nIn Europa wird Atomkraft h\u00e4ufig noch als saubere Energieform wahrgenommen, so lange es nicht zu einem St\u00f6rfall kommt. Doch bei der F\u00f6rderung von Uran verbleibt der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil (85 %) des radioaktiven Inventars in den Absetzbecken der Minen (tailings) zur\u00fcck, da es sich um radioaktive Elemente handelt (z.B. Thorium, Radon), die nicht als Kernbrennstoff taugen. [4] Nach Jahrzehnten der Uranf\u00f6rderung sind diese tailings h\u00e4ufig in einem katastrophalen Zustand, insbesondere, wenn die F\u00f6rderung der Mine bereits eingestellt wurde. In den USA werden diese Gebiete daher h\u00e4ufig als \u201eNational Sacrifice Area\u201c ausgewiesen, als nationale Opfergebiete, bei denen der Versuch, sie zu sichern oder von der Biosph\u00e4re abzuschlie\u00dfen, aufgegeben wurde2. Allein der Versuch, die immensen Uranhalden und Tailings der ehemaligen Wismut AG (Deutschland) zu sichern, hat bis heute die enorme Summe von mehr als 6,8 Milliarden Euro verschlungen. [ ]  https://www.zeit.de/news/2021-02/17/wismut-weitere-21-milliarden-euro-fuer-uranbergbausanierung\r\n\r\nh4. Das koloniale Erbe\r\n\r\nDer enorme Ressourcenverbrauch des globalen Nordens beruht seit vielen Jahrhunderten auf dem h\u00e4ufig gewaltsam durchgesetzten Zugriff des Nordens auf die Ressourcen des Globalen S\u00fcdens. Dieser Befund ist nicht neu, doch nicht selten wird \u00fcbersehen, dass es in Amerika einen solch kolonialen Zugriff auch auf das Land der _First Nations_  gibt. Im Falle Kanadas kommt das Uran aus den \u201enie abgetretenen Gebieten\u201c der Dene und aus der Elliott Lake Region. [5]\r\n\r\nSeit vielen Jahren organisiert sich dagegen Widerstand. 2015 beispielsweise verhinderten die James Bay Cree neue Uranminen in der Provinz Quebec, und setzten ein de facto moratorium durch. (Foto) https://www.cbc.ca/news/canada/montreal/cree-youth-walk-850-km-to-protest-against-uranium-mining-in-quebec-1.2872456\r\nAus Protest gegen die im Bundesstaat Quebec geplanten Uranmienen lief eine Gruppe von rund 20 jungen Aktivist*innen rund 850 Km von Mistissini nach Montreal um dort eine Pettition gegen den Uranabbau zu \u00fcbereichen. Matthew Coon Come, Grand Chief der James Bay Cree Nation unterst\u00fctzte diese Aktion und forderte: \"Let's all say no to uranium.\" https://www.cbc.ca/news/canada/montreal/cree-walkers-against-uranium-mining-arrive-in-montreal-after-850-km-walk-1.2873649\r\n\r\nDen Rechtsstreit gegen die bereits weit fortgeschrittenen Vorbereitungen des Konzern Strateco konnten die Cree im Oktober 2020 schlie\u00dflich vor dem kanadischen Supreme Court zu ihren Gunsten entscheiden. Eine Entscheidung die Matthew Coon Come mit den Worten: \u201cWe are committed to protecting our environment and our way of life from the unacceptable risks that uranium mining presents, now and for future generations,\u201d kommentierte.\r\nFilmtip: The Wolverine: The Fight of the James Bay Cree (2014)\r\n\r\nTrotz dieses Widerstandes liegen die weltweit gr\u00f6\u00dften Uranminen auf dem Land der Cree und Dene. Cigar Lake und Mc Arthur River, beide in der Provinz Saskatchewan gelegen, zeichnen sich dabei nicht nur durch ihre Gr\u00f6\u00dfe, sondern auch durch den hohen Urananteil von bis zu 13% (Uran 238 und 235) des dort gef\u00f6rderten Erzes aus. Noch vor Ort wird das Uranerz in Uranerzkonzentrat, sog. Yellow Cake, verarbeitet, das dann zu etwa 75 % aus Uran besteht. Der Rest des Erzes, zusammen mit einem enormen Inventar an weiteren radioaktiven Substanzen, endet in riesigen Absetzbecken unter freiem Himmel.\r\n\r\nTrotz dieses Widerstandes liegen die weltweit gr\u00f6\u00dften Uranmienen auf dem Land der Cree und Den\u00e9. Cigar Lake und Mc Arthur River, beide in der Provinz Saskatchewan gelegen, zeichnen sich dabei nicht nur durch ihre Gr\u00f6\u00dfe, sondern auch durch den hohen Urananteil von bis zu 13% des dort gef\u00f6rderten Erzes aus. Noch vor Ort wird das Uranerz in Uranerzkonzentrat sog. Yellow Cake (U3O8) verarbeitet, das dann zu etwa 75 % aus Uran besteht. Der Rest des Erzes, zusammen mit einem enormen Inventar an weiteren radioaktiven Substanzen, endet in riesigen Absetzbecken unter freiem Himmel.\r\n\r\nh4. Vom Erz zum Kernbrennstoff\r\n\r\nMit Uran verh\u00e4lt es sich anders als mit z.B. Kohle. Es ist kein \u201eRohstoff\u201c, der nur ausgegraben werden muss, und dann direkt verbrannt werden kann wie z.B. Braun und Steinkohle. Obwohl der Begriff \u201eKernbrennstoff\u201c anderes impliziert, stellt das im Reaktor verwendete Uran ein hochveredeltes Industriemetall dar. Bevor das in Mc Arthur oder Cigar Lake gef\u00f6rderte Uran in einem Reaktor verwendet werden kann, muss es zun\u00e4chst in Yellow Cake umgewandelt werden, was meist noch vor Ort an den Mienen geschieht. Im Weiteren braucht es dann spezielle Verfahren der Veredelung und Umwandlung, die z.T. milit\u00e4risch relevant sind (Anreicherung) und daher nur an wenigen Orten weltweit durchgef\u00fchrt werden. Industriell arbeitende Konversionsanlagen gibt es weltweit lediglich f\u00fcnf, Anreicherungsanlagen nur acht.\r\n\r\nKanada verf\u00fcgt mit der Anlage in Port Hope \u00fcber die viertgr\u00f6\u00dfte Konversionsanlage weltweit mit einer Kapazit\u00e4t von 9200t in 2019 (https://www.wise-uranium.org/umaps.html?set=conv). In zwei Verfahrensschritten wird dort das feste Uranoxid (U3O8) des Yelow Cakes in gasf\u00f6rmiges Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt, da sich nur dieses f\u00fcr den n\u00e4chsten Verarbeitungsschritt, der Urananreicherung nutzen l\u00e4sst.\r\nNotwendig ist diese Anreicherung f\u00fcr die im Westen verbreiteten Leichtwasserreaktoren, die eine Kettenreaktion erst ab einem Gehalt von 3%-5% Uran 235 erhalten k\u00f6nnen, Natururan jedoch enth\u00e4lt lediglich 0,7% dieses Isotops. \r\nMilit\u00e4risch hoch sensibel ist dieser Verabeitungschritt, weil er ohne Weiteres auch eine Anreicherung zu waffenf\u00e4higem Material erm\u00f6glicht. Auf dem amerikanischen Kontinent ist dies lediglich in einer US-Amerikanischen Anreicherungsanlage m\u00f6glich. Alle anderen Anlagen stehen in Europa und Asien, und machen Seetransporte notwendig. Daher wird laut Gordon Edwards von der Canadian Coalition for Nuclear Responsibility http://www.ccnr.org/ rund 85% der kanadischen Uranproduktion exportiert.\r\n\r\nh4. Hamburg: Drehkreuz kanadischer Uranexporte\r\n\r\nUm die Anreicherungsanlagen Almelo (NL) und Gronau in Europa zu erreichen bietet es sich an, den gr\u00f6\u00dften Hafen an der Kanadischen Westk\u00fcste, Montreal, zu nutzen.\r\nAls einzige nicht kanadische Firma verf\u00fcgt die Hamburger Reederei Hapag Lloyd dort \u00fcber einen eigenen Terminal und bietet zusammen mit der Rederei OOCL einen Lieniendienst von Montreal nach Southhampton, Antwerpen und Hamburg an.\r\nNach einer Auswertung kleiner Anfragen in der Hamburger B\u00fcrgerschaft (https://sand.blackblogs.org/2020/12/15/2017-2020-atom-transporte-von-uranerzkonzentrat-und-uf6-in-den-hafen-von-hamburg/) wurden von den 9200t Uranhexafluorid, die 2019 in Port Hope produziert wurden, fast die H\u00e4lfte (4200t) \u00fcber den Hamburger Hafen umgeschlagen. Mehr als einmal im Monat (15 Transporte) landen dabei zwischen 16 und 24 48Y-Spezialbeh\u00e4lter am Terminal Altenwerder an, und wurde auf die Schiene Richtung Gronau und Almelo gesetzt. \r\n\r\nDer Hamburger Hafen stellt daher das wichtigste Drehkreuz f\u00fcr den Export kanadischen Urans dar, und die Hamburger Reederei Hapag Lloyd bewerkstelligt dies. \r\nMit Almelo in den Niederlanden wird so die weltweit zweitgr\u00f6\u00dfte Urananreicherungsanlage versorgt sowie ihre Schwesteranlage in Gronau die im internationalen Vergleich Platz vier belegt. Zusammen wird im deutsch-niederl\u00e4ndischen Grenzgebiet durch die beiden Anlagen des Urenco Konzerns rund ein F\u00fcnftel des gesammten Urans weltweit angereichert.\r\n\r\nM\u00f6glicherweise werden bis Ende 2022 alle in Deutschland betriebenen AKW stillgelegt, ein Erfolg des jahrzehntelangen, hartn\u00e4ckigen Widerstandes der Anti-Atom-Bewegung.\r\nDie international jedoch wichtigste Atomanlage, die Uranfabrik in Gronau ist vom Ausstiegsbeschluss nicht ber\u00fchrt, und kann unbefristet weiter laufen. Ein Ende der Atomtransporte \u00fcber den Hamburger Hafen ist daher nicht abzusehen, ganz im Gegenteil. Bis Mitte November 2020 wurde bereits mehr kanadisches Uranhexafluorid im Hamburger Hafen umgeschlagen, als im Vorjahr.\r\n\r\n\r\nfn1. \"https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/DE/Rohstoffinformationen/L%C3%A4nderkooperationen/Laender/Kanada/kanada_node.html\":https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/DE/Rohstoffinformationen/L%C3%A4nderkooperationen/Laender/Kanada/kanada_node.html\r\n\r\nfn2. \"https://www.wise-uranium.org/umaps.html?set=annu\":https://www.wise-uranium.org/umaps.html?set=annu\r\n\r\nfn3. \"https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/geschichte-koloniales-erbe.html\":https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/geschichte-koloniales-erbe.html\r\n\r\nfn4. \"https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/der-weg-des-urans-aus-der-erde-in-die-sackgasse.html\":https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/der-weg-des-urans-aus-der-erde-in-die-sackgasse.html\r\n\r\nfn5. \"https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/geschichte-koloniales-erbe.html\":https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/geschichte-koloniales-erbe.html\r\n\r\n\r\n","created_at":"2020-12-19T17:15:39Z","creator":"Daniel Manwire","district":"Altenwerder","geo_relation":"Kanada","id":112,"image":{"url":"/v1.0/uploads/placemark/112/Altenwerder-nacht.jpg","thumb":{"url":"/v1.0/uploads/placemark/112/thumb_Altenwerder-nacht.jpg"},"mini":{"url":"/v1.0/uploads/placemark/112/mini_Altenwerder-nacht.jpg"}},"image_credit":"SAND","lat":"53.50365","layer_id":8,"lon":"9.936407","place":"Terminal ","public":true,"published_at":null,"source":"","subtitle":"Altenwerder: Knotenpunkt des kanadischen Uranexports nach Europa ","teaser":"Mehr als 6100 Tonnen Uranhexafluorid (UF6) wurden 2021 am Terminal Altenwerder umgeschlagen. Wie gef\u00e4hrlich diese Transporte sind, zeigte sich nicht zuletzt beim Brand der Atlantic Cartier 2013. Doch nicht nur der Transport birgt Risiken. Auch die Folgen des Uranabbaus, etwa in Kanada, sind verheerend. Trotz der seit vielen Jahren anhaltenden Proteste der _First Nations_ trifft leider der Slogan heute immer noch zu: \"First people, last to be protected\".","title":"First People, last to be protected","updated_at":"2022-07-17T11:07:55Z","url":"","user_id":134,"zip":"21129"}